Gründung und Entwicklung bis etwa 1860

Es ist ein schwieriges Unterfangen, die Gründungszeit einer alten Tiroler Musikkapelle zu erforschen. Meistens liegen die Anfänge im Dunkeln. Nur ganz selten ist ein regelrechter Gründungsakt oder doch zumindest ein Hinweis darauf erhalten. Das häufigste Fehlen solcher Quellen erklärt sich wohl am ehesten daraus, dass die meisten Musikkapellen allmählich aus älteren kleinen Spielgruppen herausgewachsen sind, wobei auf dem Land vor allem die Kirchenmusikanten den ersten Kern gebildet haben dürften.

Diese Entwicklung begann in Tirol zwar schon gegen 1800, konnte sich aber erst nach den Napoleonischen Kriegen und nach der Beruhigung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse richtig durchsetzen. Starke Anregungen gingen dabei von der Militärmusik, im Besonderen von ihrer speziellen österreichischen Form der „Türkischen Musikbanda“, aus.

Auch für unsere Brixner Musikkapelle ist kein Gründungsakt vorhanden, doch haben wir glücklicherweise zwei wertvolle Quellen aus den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts, eine bildliche und eine schriftliche, die uns ziemlich sichere Rückschlüsse auf die Gründungszeit erlauben. Die eine Quelle ist ein Bild und eine Erinnerungstafel auf der Epistelseite der Harlaßangerkapelle, 1841 gestiftet zur immerwährenden Erinnerung an den Besuch vom 2. Juli 1840 durch den Fürsterzbischof Friedrich von Salzburg, Fürst zu Schwarzenberg.

Auf seiner canonischen Visitation war der hohe Gast, der ein eifriger Förderer des Alpinismus war, von Aschau her auf den Harlaßanger gekommen, wo er, wie die Erinnerungstafel vermeldet, „unter Abfeuerung der Böller von den Priestern und von den Schützen mit Musik und einer großen Menge freudig und feierlich empfangen“ wurde. Nach Ansprache der Messe, „wobei der deutsche Normalgesang mit Musikbegleitung vorgetragen wurde“, bestieg der Fürst mit seiner Begleitung den Fleiding und stieg schließlich über Santenbach nach Brixen ab.

In der Art der erzählenden Malerei sind die einzelnen Phasen des Geschehens mit großer Liebe zum Detail auf dem Bild festgehalten. Die Bildmitte beherrschen die 17 Mann starke Musikkapelle und die in einer langen Reihe angetretene Schützenkompanie mit Fahne. Dass es sich bei den dargestellten Vereinen um Brixner Vereine gehandelt hat, ist nicht zu bezweifeln. Der Fürsterzbischof betrat auf seiner Visitationsreise durch das Dekant Brixen im Thale auf dem Harlaßanger Brixner Pfarrgebiet im engeren Sinn. Die offizielle Begrüßung war selbstverständlich Sache der eigenen dörflichen Vereine, deren Existenz uns durch unsere andere Quelle (s.u.) eindeutig bestätigt ist. Von den abgelichteten 17 Musikanten sind 12 Mann Bläser, 5 Mann Schlagzeuger. Die Bläser leicht schräg hintereinander aufgestellt, bilden vier chronisch gebaute Instrumentalgruppen: 3 Klarinetten aus hellem Buchsbaumholz, 3 Naturtrompeten, 3 Trompeten tieferer Stimmung und 3 Posaunen. Das „türkische Schlagzeug“ steht in einer Reihe: Große Trommel, Tschinellen, Schellenbaum (Glöcklhut) und zwei kleinere Trommeln.

Die Musikanten der Brixner Musik von 1840 tragen knielange blaue Röcke, schwarze Kniehosen, weiße Strümpfe, niedere schwarze Bundschuhe, hellblaue bzw. rötliche Westen, weiße Hemden, rötliche Binder. Die schwarzen, mit mächtigen Büschen geschmückten Hüte haben einen hohen Gupf. Der linke Flügelmann, wohl der Kapellmeister, trägt als einziger eine elegante graue lange Hose und einen etwas längeren Frack.

Nach Zahl und Art der Instrumente würde die Kapelle in die Zeit um 1820 passen. Das Fehlen von Klappentrompeten und Ventilinstrumenten spricht ebenso dafür, wie das Vorhandensein des Schellenbaums. Hätte man in den 30er Jahren eine Musikkapelle aufgestellt, so hätte man sicher nicht auf die neuerfundenen besseren Instrumente mit Klappen und Ventilen verzichten können. War jedoch die Aufstellung schon früher erfolgt, so war es naheliegend, dass die alten Instrumente auch dann noch einige Zeit beibehalten wurden, obwohl es schon besseres gegeben hätte. Auf die Zeit um 1820 verweist uns auch der Schellenbaum (Glöcklhut). Er gehörte nur bis in die 20er Jahre zur offiziellen Ausstattung einer Kapelle, wurde aber natürlich dort, wo er vorhanden war, noch geraume Zeit beibehalten. Wir dürfen also – mit aller gebotenen Vorsicht – aus diesem Harlaßangerbild für die Brixner Musik ein Gründungsdatum zwischen 1820 und 1825 erschließen.

Da im Bericht über den berühmten Besuch der Erzherzogin Maria Luise auf der Hohen Salve im September 1823 keine Musikkapelle erwähnt ist, wird die Aufstellung wohl nach diesem Besuch erfolgt sein. Der Gedanke ist nicht ganz abwegig, dass dieser hohe Besuch den letzten Anstoß zur Gründung einer eigenen Musikkapelle gegeben haben könnte. Damit kämen wir, da ja solche Ideen immer auch eine gewisse Zeit zur Verwirklichung brauchen, auf das Jahr 1824 als das wahrscheinlichste Gründungsjahr. Kapellmeister wird wohl, wie anderswo, der Schulmeister gewesen sein, der sich auf dem Bild durch seine lange Hose und seinen etwas längeren Frack von den anderen Musikanten abhebt, auch wenn er selbstverständlich in Reih und Glied mitspielte. Ist unsere Vermutung richtig, so war der Gründungskapellmeister der aus Altenmarkt im Pongau stammende Lehrer, Mesner, Organist und Kantor Sebastian Prennsteiner, der in Brixen von 1806 bis 1840 tätig war. Er gibt selbst in einer Fassion, d. h. in seiner Steuererklärung an das Landgericht Hopfgarten, unter jenen Tätigkeiten, aus denen er kein regelmäßiges Einkommen bezog, den Beruf eines Musikers an; in der Kirchenrechnung 1835/36 ist vermerkt, ihm sei die „Auslage für einen Stimmbogen zur Posaune“ ersetzt worden. Das gehört zwar sicherlich in den Bereich der Kirchenmusik, zeigt aber doch, dass der Schulmeister außer der Königin der Instrumente auch noch andere Instrumente beherrschte. Ab 1837 unterstützte ihn sein gleichnamiger Sohn bei seinen verschiedenen Tätigkeiten und dieser Sebastian Prennsteiner jun. ist es wohl, der auf dem Bild in der Harlaßangerkapelle abkonterfeit ist.

Unsere zweite wertvolle Quelle, die das bisher Erschlossene absichert und uns interessante Hinweise für die weitere Entwicklung der Kapelle liefert ist ein „SALVE“ betiteltes Gipfelbuch der Hohen Salve. Das im Pfarrarchiv von Brixen aufbewahrte Buch wurde 1825 angelegt und dann bis 1840 und 1856 vom damaligen Dechant Alois Schmid zu einer Art Dorfchronik erweitert und umgestaltet. Von 1857 bis 1907 diente es dann wieder als Hüttenbuch auf der Hohen Salve.

Die erste Eintragung im Chronikteil betrifft den Besuch des Fürsterzbischofs Friedrich von Schwarzenberg im Dekant Brixen im Thale. Er wurde dabei an der alten Dekantsgrenze am Klausenbach feierlich von der Geistlichkeit, der Beamtschaft, berittenen Bauern in Tracht, der Musik und viel Volk empfangen. „Als der hochgeborene Fürst in die Kapelle getreten war, defilierten die berittenen Bauern mit der Musik vor dem Fürsten vorüber, schrien drei Mal „Leben Hoch“, worauf die Musik spielte“. Als der feierliche Zug schließlich in Brixen angelangt war, wurde dem Oberhirten noch einmal mit Gesang und Bläserklang gehuldigt. Tags darauf, dem 20. August 1841, machte man sich gegen Abend auf den Weg zur Hohen Salve. „Musik und Glockengeläute verkündeten den Abzug“. Die zahlreichen Teilnehmer genossen in romantischer Naturbegeisterung den schönen Sonnenuntergang und bewunderten die über zweitausend Bergfeuer, die man ringsum auf den Höhen entzündet hatte. „Während dieses Augenblickes spielte die Westendorfer Musik unten am Salvenkopf abwechselnd mit der Brixner Musik, die oben stand“.

Man kann sich gut vorstellen, dass dieses Doppelkonzert der getrennt aufgestellten Musikkapellen bei einbrechender Nacht sehr effektvoll gewirkt hat. Es spricht für die Musikalität der beiden Kapellmeister, dass man nicht einfach auf Klangmassierung bedacht war, sondern auf ein echtes Konzertieren, d.h. auf ein Wetteifern im steten Wechsel, so wie weisenblasende Musikanten einander aus der Ferne die Melodien zuspielen und Antwort geben. Dabei wird man den freieren Klang der alten Naturtoninstrumente sicherlich für schöne Echowirkungen genutzt haben.

Zwei weitere Erwähnungen der Brixner Musikkapelle stammen aus dem Jahr 1843. Als man am 10. Juni 1843 das in der Aufklärungszeit entfernte Loretto-Glöcklein wieder auf die Hohe Salve zurückbrachte, begleitete die Brixner Musik den Transport vom Dechantshof bis zum Salvenkirchlein und wirkte am „Glockenfest“ auf der Hohen Salve mit. Fünf Tage später beging man das 200-Jahr-Jubiläum des Antlassrittes. Der ausführliche Bericht des Chronisten informiert uns, dass nach der Aufstellung der 173 Pferde vor dem Dechantshof in Brixen „vom ganzen Volk mit Begeisterung der Blechinstrumente ein eigenes hierzu verfasstes, gedrucktes Lied abgesungen“ wurde. Des Weiteren berichtet er von den „wohleingeübten Harmonie-Stücken der zahlreichen Brixner Musik“.

Zehn Jahre später wird die Musik in der Chronik noch einmal in ähnlicher Weise erwähnt. Im Bereich über die Primiz des Peter Astl aus Brixen am 15. August 1853 ist von den „Klängen einer gut besetzten Musikkapelle“ die Rede, die den Zug der Festgäste vom Dechantshof zur Kirche begleiteten.

Nach diesen Nachrichten muss die Brixner Musik zwischen 1840 und 1843 eine beträchtliche Wandlung durchgemacht haben, wenn sie bei der Jubelfeier von 1843 in starker Besetzung „wohleingeübte Harmonie-Stücke“ vortragen und das vom ganzen Volk gesungene Lied mit Blechinstrumenten begleiten konnte.
Um 1840 setzten sich die modernen, treueren Ventilinstrumente, die ganz neue spieltechnische und klangliche Möglichkeiten boten, immer mehr durch. Eine Vielzahl verschiedenster Instrumentenformen entstand, und schon daraus resultierte eine Verstärkung der Blechbesetzung: den Ventilhörnern und Ventiltrompeten folgten bald das Flügelhorn, das Bassflügelhorn und Euphonium, Ventilposaune und Helikon.

In Brixen ist, um auf unsere Chroniknotiz von 1843 zurückzukommen, der entscheidende Schritt von der Türkischen Musikabanda zur leistungsfähigen Harmoniemusik zwischen 1840 und 1843 erfolgt. Es ist anzunehmen, dass sich dann durch Jahrzehnte hindurch nichts wesentlich Neues mehr ergeben hat, ja die ganze spätere Entwicklung bis auf die Zeit ist mit dieser Umstellung bereits grundgelegt worden.
Musikkapelle Brixen im Thale im Jahr 1900
Musikkapelle Brixen im Thale im Jahr 1924

Von 1937 bis zum Jubiläumsjahr 1984

Einige ausgewählte Geschichten und amüsante Anekdoten aus dem 20. Jahrhundert rund um das Geschehen in unserer Musikkapelle.

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